Aus Unrecht erwächst kein Recht

by admin on 20. Juni 2010

Görlitz – deutsch und ungeteilt. Eine kleine Gruppe Görlitzer Kameraden legt noch am Abend des Marsches der Erinnerung am Bahnhof Moys Blumen nieder. Auf der Görlitzer Altstadtbrücke befestigen sie Kranz, Transparent und Erinnerungstext. Sie wissen um das Ungeheuerliche: Sobald sie von der Brücke gehen, wird dies alles sehr schnell verschwinden. Die DDR verordnete Schweigen, die BRD die Versöhnung. Wer vom Recht und den unheilbaren Wunden spricht, ist hier nur ein Ewiggestriger. 

- Der katholische Pfarrer Franz Scholz schreibt über den 21. und 22. Juni 1945: “Ist mit den katholischen Polen nun etwa ein dritter apokalyptischer Reiter angekommen? Die Bevölkerung wird vertrieben, aus den Häusern gejagt, umstellt, über die Brücke abgeschoben. Als ich früh, kurz nach 7 Uhr, vom Altar in die Sakristei komme, werde ich von vielen bleichen Gesichtern erwartet. >Herr Pfarrer, helfen Sie uns, wir müssen in zehn Minuten die Wohnung verlassen.< Auf der Götzendorfstraße und der Schenkendorffstraße ist alles in Aufruhr. Vor den Haustüren stehen Kommandos der polnischen Miliz, sie rufen die Bewohner, die erst vom Schlaf erwachen, notdürftig bekleidet auf die Straße, halten sie dort fest, gestatten nicht mehr, daß jemand in seine Wohnung zurückkehrt.” Und weiter: “Der Deutsche hat aufgehört, Rechtssubjekt zu sein. Seine Ehre, sein Leib und sein Leben und sein Eigentum stehen einem übermütigen Sieger gnadenlos zur Verfügung.”

In Görlitz ist das Flüchtlingselend unbeschreiblich. Von Osten die eben aus ihren Häusern Geworfenen, von Westen die Rückkehrer, die nicht an eine Grenze an der Lausitzer Neiße glauben können und heim wollen. Epidemien brechen aus, später sogar eine Hungersnot.

Etwa 250 000 Deutsche werden längs von Oder und Neiße bis Juli 1945 “wild” vertrieben, bis die russische Macht einschreitet und den Zustrom stoppt, zum Teil Deutsche wieder zurücktransportiert. So kommt es, daß manche dreimal ihre Heimat hinter sich lassen, denn 1946 werden die Deutschen offiziell und “human” umgesiedelt. -

Die Altstadtbrücke in ihrer ganzen modernen Häßlichkeit, ein reiner Zerstörungsbau, übertroffen vom absonderlichen Europabild auf dem alten Putz des Turmes der Dreiradenmühle – hier merkt man, daß nichts zusammenpaßt in dieser von Nachkrieg, Teilung, Ostregime und westlicher Musealisierung tief gezeichneten Stadt.

Görlitz nennt sich zusammen mit seinem östlichen Teil nun Europastadt. Die nächste Steigerung wäre Weltstadt. So bläst sich der Irrsinn auf, wenn deutsche Städte ihre deutschen Bewohner und ihre Identität verlieren. Ist für Polen Europa eine reine Nutzanwendung, so soll es für die Deutschen ihre neue Heimat sein, künftig eine Mischung aus “Region” und “Europa”.

Aber all das ist auf Sand gebaut. Das verstümmelte Herz Europas wird nicht mehr lange all diese antinationalen Ballons aufblasen können. Die alten Fragen kehren wieder, denn sie sind nicht wahrhaft beantwortet, sondern zugekleistert worden mit Freundschaftsbekundungen und Ermahnungen zur Toleranz.

Aus Unrecht wird kein Recht. Wir werden wieder daran erinnern.

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