Marsch der Erinnerung 2011

by admin on 25. Juli 2011

Es ist Sonnabend, der 2. Juli. Am 22. Juni vor 66 Jahren traf es über Nacht Zehntausende im Streifen östlich der Neiße – raus aus der Heimat und fort ins Nirgendwo. Unerzählte Geschichten – Tabus, die es zu hinterfragen gilt.

Mehr als vierzig umfaßt unsere Laienspielgruppe heute. Auf eine Absicherung wollte keiner verzichten. Denn Treffpunkt sind die Kasernenbauten der Zittwerke in Großporitsch – östlich der Neiße.

Ein Bau mit vielen Geschichten, von denen gern nur eine erzählt wird. Gefangenenlager im Ersten Weltkrieg, danach Auffanglager für deutsche Kriegsheimkehrer und für die nach 1918 aus Posen und Oberschlesien Verjagten, nach Verfall in Weimar ab 1938 Neubau einer Kaserne, ab 1944 Lager für Ostarbeiter und KL-Häftlinge, die an der geheimen Herstellung von Strahltriebwerken beteiligt waren. Im Mai 1945 richten die Sowjets ein Kriegs- und Zivilgefangenenlager ein, das später von den Polen übernommen wird. Zittauer Bürger werden wahllos verhaftet und dorthin verschleppt. Viele der internierten Soldaten verschwinden später in den Kohlegruben Oberschlesiens und irgendwo in Polen zur Vernutzung zu Siegerzwecken. Um dieses Kapitel ist es heute besonders still. Deshalb sind wir hier.

Die Verwunderung ist erheblich. Unser Dolmetscher hat einiges zu tun. Es gelingt ihm, an die Ehre einer jeden Nation zu appellieren und einige Polen von der Berechtigung unseres Tuns zu überzeugen, andere zumindest zu beruhigen. Daß das heutige Gebäude eine psychiatrische Klinik und Entzugsstation beherbergt, erhält für uns plötzlich einen eigenartigen Hintersinn.

Wir erinnern an die damals hier internierten Landsleute und die vielen ungeklärten Schicksale. Unser Kranz gilt den Opfern der Waffenstillstandszeit.

Der Elendszug setzt sich in Bewegung. Die meisten sind historisierend gekleidet. Die “ideale” Zusammensetzung mit vornehmlich Frauen, Kindern und Greisen weisen wir jedoch nicht auf.  Immerhin haben wir Leiter- und Kinderwagen dabei. Die weißen Armbinden mit dem N für Niemcy/Němec  fehlen ebenfalls nicht.

Zur Geschichte der Wilden Vertreibung am 21. und 22. Juni 1945 siehe auch Marsch 2010

Wir verteilen einigermaßen polnischsprachige Flugblätter mit freundlicher Erinnerung an die früheren Bewohner. Die Polizei trifft ein, beobachtet aber lediglich. Das Kleinschönauer Kriegerdenkmal, eines der wenigen leidlich erhaltenen in diesem Oberlausitzer Zipfel, ist Anlaß der nächsten Zwischenkundgebung.  Wir gedenken auch hier, denn dazu wurde es ja einst errichtet.

Der heiße Teil beginnt, der Polenmarkt.  Die Provokation gelingt. Die typischen Flüche klingen herüber, “Scheiß Deutsche”, “SS”, “Festnehmen”, “Militia!”. Doch wir sind viele, gehen geschlossen. An den häßlichen Buden vorbei erreichen wir die Neiße.

Der Weg nach Zittau ist lang, denn Zittau liegt nicht an der Neiße. Eine schmerzliche Teilung wie den anderen Neißestädten blieb der Stadt so erspart. Aber nicht das Schicksal des Absturzes in die Bedeutungslosigkeit in der letzten Ecke der BRD. Wie die Stadt vor 66 Jahren wegen der Flüchtlinge aus allen Nähten platzte, so leer steht sie heute.

Vor dem Zittauer Rathaus ist großer Markt. Ungewöhnlich lebendig ist die Stadt.  Das begünstigt die Erregung von Aufsehen. Wir “Habenichtse” verteilen Informationen und unterhalten uns viel. Und wem wir rätselhaft bleiben, der erhält Aufklärung von den Zeitzeugen, die nun zu uns gestoßen sind. Ihren Worten lauschen viele.

Langsam gehen wir Statisten auseinander. Wir denken sogleich daran, wie es wohl zu hundert sein wird in 2012.

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Freddy August 25, 2011 um 12:02

Alle Achtung. Feine Aktion. Ich bin beim nächstenmal mit dabei.

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