Marsch der Erinnerung 2010

by admin on 30. Juni 2010

Geschichte, die nicht vergeht. Wir erinnern an unsere deutschen Landsleute, die hier im Dreiländereck wohnten und als Strafe für ihre Abstammung und einen verlorenen Krieg über eine willkürlich-absurde Grenze gejagt wurden. Wir rechnen nicht auf, was die einen im Krieg und die andern im sogenannten Frieden anrichteten. Wir nehmen für uns nur in Anspruch, so wie die Polen an ihrem im 18. Jahrhundert bereits verschwundenen Land festzuhalten: Noch ist Ostdeutschland nicht verloren!

Schlich vor einem Jahr noch ein Grüppchen von sechs Leuten über Feld und Wiese, so sind wir heute über zwanzig Leute. Vielen ist etwas mulmig zumute. Aber was ist das gegen die Gefühle der Deutschen vor genau 65 Jahren?

– Mai und Juni 1945: Die Deutschen in den Gebieten Böhmen, Mährens und rechts von Neiße und Oder trifft das von langer Hand vorbereitete Unheil. Bereits zu unerwünschten und unzuverlässigen Personen erklärt, werden sie zu Objekten von Aufgehetzten, Rachedurstigen, Räubern, Neidern oder gesetzlicher Willkür.

Das Abkommen von Potsdam, in dem die “humane” Umsiedlung (vergleichbar mit den gesetzlichen Normen eines Viehtransportes) beschlossen wird, ist noch Wochen entfernt. Es ist also die Zeit der günstigen Gelegenheiten, der weitgehenden Straflosigkeit für alle Verbrechen, solange sie sich gegen Deutsche richten. Insbesondere die Deutschen in Böhmen und Mähren sind einem maßlosen und unbegreiflichen Terror ausgesetzt.

Viele Transporte aus Böhmen laufen von Mai bis August 1945 Richtung Zittau, bis die Russen der Wilden Vertreibung in ihre Zone hinein ein Ende setzen. Meist gehen die Züge bis Grottau, von wo die Frauen, Alten und Kinder um die letzten Reste Gepäcks gebracht und dann zu Fuß “Heim ins Reich” getrieben werden. –

Hier beginnt unser Marsch. Wir versammeln uns am Grottauer Bahnhof. Unsere Gruppe erregt wie beabsichtigt Aufsehen: Die kleine Gedenkveranstaltung am Eingang wird nach wenigen Minuten von tschechischer Polizei mit Hinweis auf die Anmeldepflicht aufgelöst. Doch läßt man uns frei in Richtung Grenze ziehen. Schnell weg mit ihnen, werden sie wohl denken. Wie passend.

Wir hatten uns im Vorfeld um passende Kleidung und Ausrüstung bemüht, viele tragen Armbinden mit dem berüchtigten N, wir ziehen Holzwagen und schleppen riesige Koffer mit uns herum. Auch zwei Bewacher haben wir, mit roter Armbinde und Nachahmungen von Uniformen und Waffen. Nur die Zusammensetzung des Zuges ist nicht stimmig: keine Kinder, zu wenige Frauen, zu wenige Alte.

Wir gehen langsam, verteilen unsere höflichen Erinnerungskarten mit Ansichten der alten Stadt. Einwohner stutzen, debattieren untereinander, drehen sich häufig nach uns um. Außerhalb der Stadt verlesen wir Erlebnisberichte. Im frischen Wind, der über das Zittauer Gebirge in den Reichenauer Zipfel hineinweht, verharren wir lange schweigend. Dieser riesige Berg ungesühnter Waffenstillstandsverbrechen an unserem Volk gebietet es.

Das Wetter ist uns gnädig. Auf der Hauptstraße werden wir schnell von den Tanktouristen bemerkt, einige nicken oder hupen anerkennend, ein Radfahrer nennt uns Spinner. Auf der polnischen Seite hören wir die Buchstaben SS und SA heraus, während wir unsere Botschaften hinterlassen.

An der Fußgängerbrücke nach Großporitsch verweilen wir.

– Am 22. Juni 1945 besetzt die polnische Armee den Reichenauer Zipfel entsprechend ihres Planes zur Räumung des Grenzstreifens. Sie vertreibt die Bewohner im Handstreich und riegelt dann diese Brücke ab. Unglaubliche Szenen müssen sich hier abgespielt haben.

Auch die Opfer des russischen Kriegsgefangenenlagers auf dem Gelände der ehemaligen Zittwerke dürfen niemals vergessen werden. Die Schicksale vieler Soldaten, die im Herbst 1945 zu Kriegsgefangenen der Polen und zum Teil zur Zwangsarbeit nach Oberschlesien verschickt wurden, sind ungeklärt. –

Wir legen Blumen und ein kleines Gebinde nieder.

Weiter geht es in die Stadt Zittau. Was muß das damals für ein Weg gewesen sein: eben noch zuhaus, nun die Heimat unerreichbar im Rücken, vor den Augen ein ungewisses Schicksal in einem Notstandsgebiet.

– Die Region um Zittau ist von den Folgen der Vertreibungen besonders stark betroffen. 1948 stellt eine Untersuchung fest, daß ein Drittel der Einwohner Vertriebene sind, vor allem Sudetendeutsche, von denen viele “ständig in die Fenster ihrer früheren Wohnungen gucken” können, aber auch etwa 2000 Ungarndeutsche, die stolz und aufsässig ihre Trachten tragen.

Auch im Aufstandsjahr 1953 ist der Einfluß der Vertriebenen groß. Sie sind maßgeblich am erfolgreichsten Aufstand in Görlitz gegen den Stalinismus beteiligt und nutzen ihn, um auch an das Vertreibungsunrecht zu erinnern. Noch im Juli 1953 gehen Gerüchte über eine militärische Befreiungsbewegung in Schlesien um. –

Am Markt in Zittau, neugierig von den spärlichen Einheimischen und Touristen begutachtet, schildern Zeitzeugen ihre Erlebnisse und ihre Sicht der Dinge. Ein Schicksal nimmt alle mit: Geflohen, zurückgekehrt, wild vertrieben, zurückgekehrt, “legal” vertrieben. Wir kommen mit einigen Umstehenden ins Gespräch, verteilen unsere Flugblätter, gehen langsam auseinander.

Das schöne Zittau ist sehr still, 65 Jahre danach. Man könnte sagen, totenstill.

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